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23. Dezember 2012

Film-Quickie: Das Ende der gehenden Kuckucksnester

Über ein halbes Jahr ist es nun her, als das Filmzeugnis zuletzt Film- und Serienrezensionen anbot. Knapp sieben Monate später finde ich nun endlich Zeit und Muße, drei weitere Kritiken einzustellen. Darunter ein Klassiker mit Jack Nicholson, eine TV-Serie und ein Film mit Bruno Ganz, was ja als Information genügt, um dem Film eine gewisse Qualität zu unterstellen. Doch nun viel Spaß!   

Einer flog über das Kuckucksnest
Jack Nicholson kann alles spielen, keine Frage. Auch die Rolle eines psychisch Kranken liegt ihm. Seine Mimik ist so detailliert, seine Impulsivität so glaubwürdig, sein Auftreten so pointiert. Er sticht aus der Riege der „Verrückten“ heraus, obwohl jeder Patient wahrlich sein Päckchen zu tragen hat. Teilweise erinnert es an „Shining“, wie selbstsicher und bestimmend Nicholson seinen Part interpretiert. Und dennoch entwickelt sich im Film eine andere Figur entscheidend weiter, so dass sie am Ende zum eigentlichen Star wird: Chief Bromden, ein vermeintlich taubstummer „Häuptling“, groß, mächtig, dennoch unscheinbar.
Geniale Schauspieler, spannende Momente und viel Kurzweil führen trotz weniger, locker verschmerzbarer Logiklöcher dazu, dass gut zwei Stunden für dieses Meisterwerk viel zu wenig sind. Das Ende fällt keineswegs ab, doch hätte ich es liebend gerne weiter hinausgezögert. Welches größere Kompliment könnte man einem verdienten Klassiker der Filmgeschichte geben?
10/10

The Walking Dead – Staffel 1 & 2
Holla die Waldfee, das hätte ich nicht erwartet! Bisher konnte ich keinen einzigen Zombiefilm ganz ansehen, zu plump waren die Geschichte, zu wenig fesselte die Action, zu unglaubwürdig waren die Charaktere und vor allem – zu sehr wurde auf musikalische Jump Scares gesetzt, anstatt etwas Substanz beizufügen. Doch die ersten beiden Staffeln der hierzulande auf RTL II ausgestrahlten Fernsehserie ist ganz anders als die filmischen Ausfälle à la „28 Days later“. Kurz zur Geschichte der ersten Staffel: Ein Polizist erwacht im Krankenhaus aus dem Koma und stellt fest, dass er einer von wenigen Menschen ist, die nicht bereits zu Zombies mutiert sind. Neben dem größten Ziel, die ständigen Attacken zu überleben, möchte er vor allem Frau und Sohn finden, von deren Überleben er überzeugt ist. Doch zunächst gilt es, nach Atlanta zu gelangen – der vermeintlich sicheren Großstadt…
„The Walking Dead“ basiert auf einer Comicreihe und schafft es dank glaubwürdiger Charaktere, gelungener Dialoge und nicht übermäßig eingesetzter Action, die Konkurrenz in Sachen Untoten-Produktionen locker hinter sich zu lassen. Hier sind keine großen Schreckmomente nötig, vielmehr sind es Drehbuch, Kamera und Regie, die die beklemmende Stimmung gelungen transportieren. Zwar wirkt nicht jede Szene logisch und stringent, doch verzeiht man dies angesichts der gelungenen Mischung aus Spannung und Ruhepausen. Eine wirklich gelungene Serie, die ich (aufgrund der stellenweise recht derben Brutalität) volljährigen Serienfans wärmstens ans hoffentlich noch menschliche Herz legen möchte.
8/10

Das Ende ist mein Anfang
Die deutsch-italienische Koproduktion zeigt die letzten Tage im Leben des ehemaligen Spiegel-Auslandskorrespondenten Tiziano Terzani (Bruno Ganz). Dieser ruft den in New York weilenden Sohn Folco zu sich in die Abgeschiedenheit der toskanischen Berge, da er sein baldiges Ende heraneilen spürt. In den folgenden Tagen berichtet er dem Zögling von seinem bewegten Leben und Schaffen in Asien, hält durchdachte Monologe über die Menschheit und den Sinn des Lebens. Dabei wirkt der vollbärtige Erzähler aber alles andere als altklug, sondern voller Demut und Weitsicht.
„Das Ende ist mein Anfang“ ist ein vielschichtiges philosophisches Drama, das durch die ruhige Erzählweise und den Verzicht auf Rückblenden allerdings auch mitunter ein klein wenig einschläfernd wirkt. Geradezu überragend ist hingegen Bruno Ganz, der eine der besten Leistungen seiner beeindruckenden Karriere zeigt. Der Darsteller seines Filmsohnes, Elio Germano, hat hingegen mit gleich zwei Dingen zu kämpfen: seinem überschaubaren Talent und seiner italienischen Muttersprache. Denn Folco wird im Gegensatz zum Protagonisten synchronisiert, was leider erheblich an der ansonsten tollen Atmosphäre kratzt. Somit bleibt ein in manchen Bereichen hervorragender Streifen, der sich durch unnötigerweise verschenktes Potenzial selbst um den verdienten Lohn einer höheren Wertung bringt.
7/10

Bildrechte: Warner, Entertainment One / WVG, Universum Film

19. April 2011

Note 1 - Die Besten: Wie im Himmel

Genre: Drama Originaltitel: Så som i himmelen Internationaler Alternativtitel: As it is in Heaven Produktion: Schweden 2004 Regisseur: Kay Pollak Darsteller: Michael Nyqvist, Frida Hallgren, Helen Sjöholm, Lennart Jähkel, Ingela Olsson FSK: ab 12 Anbieter (und Copyrightinhaber des eingebetteten Filmcovers): Paramount

Es gibt diese Filme, die objektiv unglaublich schwer zu bewerten sind. Diese Filme, die einen persönlich so sehr mitreißen, dass der Eindruck nur subjektiver Natur sein kann. „Wie im Himmel“ gehört dazu. Es ist einer dieser polarisierenden Streifen: Die einen finden ihn toll geschrieben, toll gespielt. Andere sind der Meinung, dass er zu manipulativ auf die Tränendrüse drückt. Aber eigentlich ist es doch bei den meisten großartigen Filmen so: Es gibt immer Menschen, die dies ganz und gar nicht nachvollziehen können.

Zur Story: Der berühmte Dirigent Daniel Dareus (Michael Nyqvist) kehrt wegen gesundheitlicher Probleme zurück nach Schweden in sein Heimatdorf. Dort übernimmt er die vakante Stelle des Kantors und damit auch den Kirchenchor. Doch die verschiedenen Ansprüche des Profis und der Mitglieder des Laienchores führen immer wieder zu Problemen, ebenso private Konflikte, eine entstehende Liebe und die vielen Neider, allen voran der Pastor der Gemeinde.
Schon als ich noch ein kleiner Junge war, wollte ich immer nur eine Musik machen, die die Herzen der Menschen öffnet. Das war mein Traum. (Daniel Dareus)
Regisseur Kay Pollak löste die schwere Aufgabe, dem Zuschauer die zahlreichen Figuren nachvollziehbar zu erklären und näher zu bringen, mit Bravour. Zwar kann man bei der schieren Masse nicht jedem Charakter die Tiefe anderer Independent-Produktionen verleihen. Dennoch gelingt es problemlos, sich in die vielen unterschiedlichen Situationen und Gefühlslagen hinein zu versetzen: man freut sich, lacht und vielleicht verdrückt man auch hin und wieder eine Träne. Jedenfalls bleibt man eines nicht: unberührt. Der dramatische Verlauf der Geschichte tut sein übriges dazu, den Zuschauer vollends in den Bann zu ziehen. Dabei wird das Ende sicherlich nicht jeden befriedigen. Nach reiflicher Überlegung, welche Alternativen man hätte implementieren können, halte ich den gewählten Schluss jedoch für absolut passend.


Filmisch ist also alles einwandfrei. Und auch die Darsteller überzeugen durch die Bank. Michael Nyqvist, der auch in der Verfilmung von Stieg Larssons Millenium-Trilogie die Hauptrolle übernahm, spielt dabei gewohnt gut, lässt aber auch den teilweise weniger bekannten Gesichtern den nötigen Spielraum. Die Kamera fängt Handlung und Landschaften hervorragend ein und betont dadurch auch den eigentlichen Protagonisten des Films: Die Musik. Das Repertoire reicht von klassischen Orchesterstücken über Kirchenlieder und spaßiger Folklore bis hin zu gefühlvollen Solo-Stücken.

Wer selbst noch nie in einem Chor war, könnte dabei die ungeheure Faszination, die von diesem Drama ausgeht, unter Umständen nur bedingt verstehen. Eine Chance hat dieses Meisterwerk des europäischen Kinos aber auf jeden Fall verdient. Doch Vorsicht: „Wie im Himmel“ lädt jeden, der sich der Wirkung nicht verschließt, auf einen emotionalen Parkours ein, an dessen Ende man noch einige Minuten benötigt, um das Gesehene zu verarbeiten. Und dann am liebsten noch mal von vorn beginnen möchte. All das macht einen herausragenden Film aus. Daher verleihe ich heute erstmals die Bestnote. Und das - zumindest aus meiner subjektiven Sicht - völlig zurecht!

Filmwertung: SEHR GUT – Note 1,0



Anmerkung: So man weder Schwedisch versteht noch Untertitel lesen möchte, kann man auch getrost auf die deutsche Synchronfassung setzen, die durchaus zu überzeugen weiß. Aufgrund der interessanten Extras empfehle ich übrigens die Anschaffung der Doppel-DVD-Fassung, welche allerdings nur noch selten zu haben ist. Wer kostenlos weitere Informationen wünscht, kann sich hier das Presseheft ansehen, in dem unter anderem ein Interview mit dem Regisseur Kay Pollak, Hauptdarsteller Michael Nyqvist sowie Frida Hallgren zu lesen ist.

1. November 2010

Note 1 - Die Besten: American Beauty

Genre: Drama Originaltitel: American Beauty Produktion: USA 1999 Regisseur: Sam Mendes Darsteller: Kevin Spacey, Annette Bening, Thora Birch, Wes Bentley, Mena Suvari, Chris Cooper, Peter Gallagher, Allison Janney FSK: ab 16 Anbieter (und Copyrightinhaber des eingebetteten Filmcovers): DreamWorks / Paramount

Ein Meisterwerk, fünf hochverdiente Oscars: Bester Film, Beste Regie, Bestes Original-Drehbuch, Bester Darsteller (Kevin Spacey), Beste Kamera. „American Beauty“ ist einer dieser Filme, die im Gedächtnis bleiben. Immer wieder ertappe ich mich dabei, mit einem Schmunzeln an Lester Burnhams urkomisches Kündigungsgespräch zu denken – oder aber ich sinniere über Ricky Fitts’ Monolog zu einem selbst gefilmten Video, in welchem eine Plastiktüte vom Wind durch eine Hofeinfahrt geweht wird. Es sind solche Momente, die Sam Mendes schlichtweg brillant eingefangen hat. So brillant wie viele der anderen Szenen in dieser Mischung aus wunderschöner Erzählung und schonungsloser Abrechnung mit dem amerikanischen Spießbürgertum.
„Mein Job besteht im Wesentlichen darin, die Verachtung zu verbergen, die ich gegen die leitenden Arschlöcher hege, und einmal am Tag die Herrentoilette aufzusuchen, um mir ordentlich einen zu wichsen.“
Lester Burnham (Kevin Spacey) führt ein lediglich auf den ersten Blick beschauliches Leben: Er hat einen langweiligen Job in der Werbebranche, lebt in einer symmetrisch angelegten Kleinstadtsiedlung mit einer Frau zusammen, für die er kaum mehr als Abscheu empfindet und hat eine Tochter, die ihn hasst. Es ist seine Geschichte. Doch gleichzeitig geht es um seine von Selbstzweifeln zerrissene Gattin, die Maklerin Carolyn (Annette Bening), die sich in eine skurrile Affäre mit dem „König der Immobilien“ stürzt. Und wir sehen seine Tochter Jane (Thora Birch), die mit dem – nach eigener Ansicht – schönsten Mädchen der Schule (Mena Suvari) befreundet ist und nebenbei von ihrem Nachbarn, dem oben bereits erwähnten Ricky Fitts, gefilmt wird, nach und nach aber den Jungen hinter der Kamera immer besser kennen lernt. Jenen Hobbyfilmer nämlich, der versucht, irgendwie mit seinem von Militärwahnsinn und Schwulenhass geprägten Vater und seiner apathischen Mutter zusammen zu wohnen. Und, und, und.
„Manchmal habe ich das Gefühl, all die Schönheit auf einmal zu sehen. Doch das ist einfach zu viel. Mein Herz fühlt sich dann an wie ein Ballon, der kurz davor ist zu platzen. Und dann geht mir durch den Kopf: Ich sollte mich entspannen und aufhören zu versuchen, die Schönheit festzuhalten. Dann durchfließt sie mich wie Regen. Und ich kann nichts empfinden außer Dankbarkeit für jeden einzelnen Moment meines dummen kleinen Lebens.“
Sam Mendes erzählt in knapp zwei Stunden so viel über diese so unterschiedlichen Charaktere. Er beleuchtet jeden davon so genau, wie es manch anderem Film nicht annähernd bei dessen Protagonist gelingt. Doch „American Beauty“ ist mehr als eine Charakterstudie: Es ist gleichzeitig eine scharfsinnige Satire, eine pointierte Komödie und ein mitreißendes Drama über das Leben. Sieht man den Filmtitel, könnte man Schlimmstes erahnen. Doch es geht um ein Amerika ganz ohne Pathos. Und um die Schönheit ohne jeden Kitsch. Alles in allem ein Film, den man gesehen haben sollte. Oder besser: den man gesehen haben muss.

Filmwertung: SEHR GUT – Note 1,1